Ernestina Gallardo ­čçę­čç¬

Aus ihrem Leben

Ernestina Ledermann wurde am 1.2.1912 als uneheliche Tochter der Lehrerin Margarethe Ledermann und des chilenischen Offiziers Ernesto Gallardo in der Ruhlaer Stra├če in Berlin geboren. Ihre Mutter stammte aus einer j├╝dischen Familie, war aber zum protestantischen Glauben konvertiert.
Ernestina nahm zwischen 1920 und 1928 Privatunterricht und besuchte das P├Ądagogium bei Dr. Thie in Berlin. Anschlie├čend hatte sie unter anderem Gesangsunterricht im Lettehaus und bei der schwedischen Hofs├Ąngerin Ylira Helberg. Im Jahre 1927 ├Ąnderte Ernestina Ledermann ihren Nachnamen in Gallardo mit amtlicher Genehmigung vom preu├čischen Innenministerium.
Ab 1932/1933 begann ihre Karriere als S├Ąngerin in der Dschungel-Bar. Im gleichen Zeitraum nahm sie weiterhin Gesangsunterricht bei Silvia Laval Jaff├ę. Bereits 1935, mit gerade einmal 23 Jahren, verlobte sich Ernestina Gallardo mit Gerhard Raffalovich, welcher aber nach Inkrafttreten der N├╝rnberger Gesetze die Verlobung sofort l├Âste. Weil sie Halbj├╝din war, scheiterte 1936 ein geplantes Engagement am Schillertheater in Berlin.
Vom 1. bis 31. Mai 1937 hatte Ernestina Gallardo die letzte Auftrittsgenehmigung von der Reichstheaterkammer, diese ging davon aus, dass Ernestina Gallardo eine Spanierin war. Durch die Auftrittsgenehmigung ging sie mit dem Orchester Bernhard Ett├ę auf Deutschlandtournee. Zur gleichen Zeit konnte ein Polizist vom 157. Polizeirevier in Berlin-Wilmersdorf ihrer Mutter Margarethe und ihrer Tante Melanie arische Papiere ausstellen, um diese als Christen zu tarnen.

Orchester Bernhard Ett├ę:
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Ernestina Gallardo besuchte in der Zeit des Nationalsozialismus ihre Tanten Anna und Beatrice Ledermann in der Hauptstra├če 33 in L├╝bbenau, wo sie diese mit Lebensmitteln versorgte. 1937 starb ihre Tante Anna.

Kennkarte: BLHA, Rep. 8, Stadt L├╝bbenau Nr. 252, Bl. 447

Zeit im Widerstand

Frau Gallardo half und versteckte im Zeitraum von 1940 bis 1945 von den Nationalsozialisten verfolgte Personen in ihrem privaten Wohnraum in der Markgraf-Albrecht-Stra├če 8. Namhafte Exempel sind Dr. Alfred Karpen, ein j├╝discher Rechtsanwalt, und Helene (Leni) Erb, welche als j├╝dische Modistin in Berlin bekannt war.

Markgraf-Albrecht-Stra├če 8: Foto privat

1940 sollte Ernestina der Besitz ihrer Tante in L├╝bbenau ├╝bertragen werden, jedoch beschlagnahmten die Nationalsozialisten dieses Eigentum, bevor das Vorhaben in die Tat umgesetzt werden konnte.
1941 begannen die Nationalsozialisten damit, auch die deutschen Juden in Vernichtungslager zu deportieren. Im Herbst des darauf folgenden Jahres sollte auch ihre Tante Beatrice Ledermann deportiert werden. Diese erste Deportation wurde aufgrund ihres Gesundheitszustands verschoben. Ihre Tante Beatrice Ledermann beging am 27.11.1942 letztendlich Suizid, da eine zweite Deportation angemeldet wurde.
Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Ernestinas Telefonnummer beim verhafteten Dr. Erich Gloeden aufgefunden, woraufhin sie um 1944 bis 1945 von Berlin nach Petershagen fl├╝chtete.
Ernestina gew├Ąhrte in einer Kooperation mit Carlota del Monta in einer kleinen Helfergruppe, Verfolgten des Nationalsozialismus Unterschlupf. Zu diesen Helfern, die sich selbst ÔÇ×UnterseebootversorgungÔÇť nannten, geh├Ârten auch Dr. Alfred Karpen, Dr. Erich Gloeden und Elly Heuss-Knapp, die Ehefrau des ersten Bundespr├Ąsidenten.

Elly Heuss-Knapp mit ihrem Ehemann:

Tragischer Weise starben ihre Mutter Margarethe Ledermann und ihre Tante Melanie Ledermann 1945 an einer fatalen Grippeinfektion.

Die Zeit nach dem Krieg

Nach Kriegsende, um die Zeit 1945-1949, versuchte Ernestina Gallardo durch diverse kleinere Auftritte in Berliner Varietees und Bars als S├Ąngerin sowie durch Engagements als Komparsin bei Filmen durchzustarten. Jedoch konnte sie aufgrund von gesundheitlichen Problemen in ihrem Beruf nicht mehr Fu├č fassen.
Nach Antragsstellung auf Entsch├Ądigung wegen Schadens am Verm├Âgen und beruflichem Fortkommen am 29.10.1952 erhielt sie zun├Ąchst eine Entsch├Ądigung von 8600 DM.
1960 wurde ihre Hilfeleistung f├╝r Helene Erb im Jahre 1943 bekannt, worauf hin sie am 08.11.1962 durch den Berliner Senat als ÔÇ×unbesungene HeldinÔÇť geehrt wurde. Kurze Zeit nach ihrer Ehrung stellte sie einen Antrag auf Anerkennung als politisch und rassisch Verfolgte des Nationalsozialismus (PrV), welcher jedoch durch das Entsch├Ądigungsamt Berlin zur├╝ckgewiesen wurde.
In den folgenden Jahren musste sie sich wegen ihres angegriffenen Gesundheitszustandes immer wieder in ├Ąrztliche Behandlung begeben. Am 01.08.1969 fiel die Entscheidung, dass die nach dem Antrag auf Anerkennung als PrV folgende Klage abgewiesen wird. Das Landgericht Berlin w├╝rdigte sie f├╝r ihren Widerstand im Sinne des PrV-Gesetzes, wies ihre Klage jedoch ab, da das Entsch├Ądigungsamt argumentierte, dass Ernestina doch keine erheblichen Gesundheitssch├Ąden erlitten habe.
Drei Jahre sp├Ąter lud der damalige Bundespr├Ąsident Gustav Heinemann Ernestina Gallardo f├╝r den 14. Oktober 1972 zu einer Ehrenveranstaltung in das Schloss Bellevue ein, f├╝r jene, die zur NS-Zeit uneigenn├╝tzig Verfolgten Hilfe gew├Ąhrt haben. Dieser Einladung folgte sie.

Gustav Heinemann: https://www.bing.com/images/search?view=detailV2&ccid=HNmIu79O&id=CBF54DB45D4ECA9CDF4F44E009B3F7B62142F95A&thid=OIP.HNmIu79OCHMV4aFjzhZ8bAHaJq&q=gustav+heinemann&simid=608026689604224930&selectedIndex=2&ajaxhist=0

In den Folgejahren machte sie verschiedene Kuren, welche durch das Entsch├Ądigungsamt Berlin erstattet wurden. Vom 21.-22.09.1981 musste ihr jedoch ein Herzschrittmacher im Sankt-Gerhard-Krankenhaus implantiert werden, f├╝r welche das Entsch├Ądigungsamt allerdings keine Kosten ├╝bernahm.
Am 20.06.1982 floh Ernestina Gallardo in den Tod. Sie st├╝rzte sich aus ihrer Wohnung im vierten Stock an der Ecke Markgraf-Albrecht-Stra├če und Damaschkestra├če in Berlin. Auf ihrem Tisch stand eine Geldkassette mit rund 4000 Mark, Sparb├╝chern und Goldm├╝nzen.

Markgraf-Albrecht-Stra├če:
https://stolpersteineluebbenau.wordpress.com/2017/03/15/rechercheerfolg-der-projektgruppe-stolpersteine-fuer-luebbenau-in-berlin/

 

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